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Transferthread: Die Bibel ist nicht christlich!

 
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Transferthread: Die Bibel ist nicht christlich!
by Oholiab Schildmann ** R6,QM4 - Sunday, 30 January 2011, 12:39 PM
HauptmoderatorQabbalah Maasit AnwenderRefuah AnwenderRefuah Lehrer

Die Bibel ist nicht christlich!

(Dieser Thread wurde aus unserem Forum "Offizielles Forum der Ausbildungsgruppe für rituelle Magie und westliche Mysterien" kopiert und editiert. Dabei wurden die essentiellen Beiträge und Inhalte berücksichtigt.)

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Salomo schrieb am 06.04.2007 um 00:22:

Hallo!

Ich muß mal was loswerden... ich möchte wirklich niemandem auf die Füße treten, .... aber ich finde der Bergriff altes Testament (AT) irgendwie abschätzig... er ist in meinen Augen christliche Propaganda. (Das Attribut „alt" wurde im christlichen Antijudaismus oft im Sinne von „überholt", „abgelöst" und „ungültig" verstanden und gebraucht.) ... Korrekter wäre es entweder vom Tenach zu sprechen oder auch von der Bibel!!!
Ja, wie an anderer Stelle schon erwähnt: das Wort "Bibel" kommt von der griechischen Phrase ta biblia, "die Bücher", welche von den hellenistischen Juden einige Jahrhunderte vor dem Christentum verwendet wurde um ihre heiligen Bücher zu bezeichnen. Die Bibel beinhaltet also eigentlich nicht die christlichen Werke!
Die Bibel war auch nie ein Testament und somit ist die Benennung der christlichen Bücher als neues Testament irgendwie unsinnig. (Testament kommt von dem lateinischen "testamentum" = Bund, aber viel sinnvoller ist das auch nicht und es ist nach wie vor mißverständlich.)
Wer unbedingt unterscheiden will könnte von der „Hebräischen Bibel“ sprechen was aber auch nicht ganz korrekt ist, da ein Teil aramäisch ist. Also entweder "Hebräisch-Aramäische Bibel" oder die "Ursprüngliche Bibel" (bitte NICHT "erste Bibel") aber auch das impliziert ja eine nicht ursprüngliche Bibel oder ein Update (oder eine Nicht-Hebräisch-Aramäische Bibel) oder so und das ist dann doch wieder arrogant und dumm. Und somit bleiben wir einfach bei "die Bibel" und gut ... oder um Mißverständnisse zu vermeiden reden wir eben doch am besten vom "Tenach".
Tenach (תנ״ך) ist übrigens ein Notarikon (Akronym) aus den Anfangsbuchstaben der drei Hauptteile: der Tora ("Weisung" d.h. den fünf Büchern Mose), den Newi'im ("Propheten") und den Ketuwim ("Schriften").
Die christlichen Bücher könnte man dann sinnvoller Weise "christliches Testament" nennen wenn man will (aber bitte den Tenach NICHT als "jüdisches Testament" bezeichnen!!! ) oder "christliche Bücher" oder wenn man es eindeutiger will spreche man von den "kanonischen christlichen Büchern" oder wenn man es einfacher und allgemein verständlicher ausdrücken will vom "sogenannten neuen Testament". Das klingt zwar etwas kritisch, aber es ist die natürliche Folge (das Karma) der christlichen Arroganz, die einen Titel für diese Werke gewählt hat der so wie er ist eben überheblich und nicht akzeptabel ist.

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michael schrieb am 06.04.2007 um 00:36:
Wobei ich anmerken muss, dass in katholisch-theologischen Kreisen schon lange nicht mehr von AT und NT, sondern vom ersten Bund und vom zweiten Bund gesprochen wird.
Der erste Bund wurde nie aufgelöst (wie das einige christlice Splittergruppen glauben), ist nach wie vor gültig! Wie sollte es auch anders sein, denn G`TT steht zu seinem Wort und sagt nicht heute etwas, das er morgen nicht mehr meint.
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Salomo schrieb am 06.04.2007 um 08:57:

Das ist sicher etwas besser, aber es hat immer noch dieses blöde erstes zweites Ding...
Die Annahme das "sogenannte neue Testament" wäre Tenach Teil 2 ist Unsinn.
Vor allem wenn man bedenkt, daß die Mishnah, wörtlich die "Wiederholung" laut Natan ben Jechiel so heißt, weil sie "die Zweite" gegenüber der Torah ist , denn sie gilt seit jeher im Judentum als die mündliche Torah und somit einziger legitimer Kandidat für eine "Fortsetzung".
(Nebenbei bemerkt ist der Textkorpus der Mishnah nicht identisch mit der mündlichen Torah, da hier laut Tradition die esoterischen Inhalte fehlen - die sind nur Teil der qabbalistischen Überliferung.)
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Salomo schrieb am 06.04.2007 um 09:06:

...übrigens ich wollte nicht aussagen daß das "sogenannte neue Testament" an sich nicht einen eigenen Wert als spirituelles Werk hat, oder das Christentum an sich herabsetzen.

Ich weiß natürlich auch, daß es aus dem Judentum entstanden ist und sich zurecht als in dieser Tradition stehend sieht, aber es ist nicht so, daß es in irgendeinem Sinne der wahre Nachfolger des Judentums wäre. Es ist einfach eine jüdische Sekte, die einige wichtige Aspekte des Judentums für sich umgedeutet (oder nie richtig verstanden) hat, und die eben aufgrund ihrer Missionierungspolitik zahlenmäßig sehr einflußreich ist. Nicht mehr und nicht weniger.
(Anders gesagt, Christentum geht nicht ohne Judentum, aber die Bibel geht durchaus ohne Christentum - und vor allem ohne all die Negativen Auswüchse die viele Leute damit verbinden und zu unrecht dem Judentum mitunterstellen!
..nochwas ... es tauchte im Thread (Anm. dieser Thread) gelegentlich der Begriff der "jüdisch-christlichen Gottesvorstellung" auf, ich finde es nicht gut, daß diese beiden Weltanschauungen immer so bedenkenlos in einen Topf geworfen werden - meißt von Leuten die vom Judentum wenig wissen und mit dem Christentum schlechte Erfahrungen gemacht haben, die sie dann ganz selbstverständlich auf das Judentum übertragen und beides ablehen ohne das Judentum überhaupt richtig zu kennen. (Wer die Bibel nur als AT und NT kennengelernt hat, weiß nur weing davon, denn die christliche Interpretation ist sehr einseitig.)
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michael schrieb am 06.04.2007 um 11:18:
Für mich ist die christliche Interpretation der Bibel in sich schlüssig und ich ziehe sie den anderen Interpretationen vor. Für mich ist sie gerade so richtig verstanden
Mir ist klar, dass man sie auch anders interpretieren kann.
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Salomo schrieb am 10.04.2007 um 11:38: ...ich möchte nochmal etwas klarstellen
1. Ich möchte nicht die christliche Religion an sich irgendwie angreifen! (Ich möchte nur dafür sensibler machen, daß manche Begriffe einfach unangemessen sind. Persönlich fände ich es z.B. besser anstatt AT oder NT zu schreiben wenigstens das "sog. AT" oder das "sog. NT" zu schreiben, wenn man diese Begriffe unbedingt verwenden will. Das ist immernoch kurz und allgemeinverständlich aber es ist nicht so unhöflich und irreführend.)
2. Ich möchte ganz sicher nicht Michael (oder jemand anderem) unterstellen, daß er irgendetwas unrechtes im Sinne hatte wenn er Kürzel wie AT oder NT verwedet. Ich schätze Michaels Beiträge (und sein Wissen über das Christentum) sehr - das weiß er auch - aber ich erwähne es hier, damit bei den anderen Mitlesern kein falscher Eindruck entsteht.
3. Natürlich gibt es in jeder Religion Unsinn, worum es mit mit obiger Bemerkung ging (und geht) ist, daß es Menschen gibt die manche Erscheinungen des Christentums erlebt haben und es aus diesen Erfahrungen heraus ablehnen. Z.B. haben sie den Missionierungseifer, die verklemmte Haltung zur Sexualität und die untergeordnete Rolle der Frau erlebt und das schreckt sie vom Christentum ab. (Ob diese Erfahrungen verallgemeinerbar sind ist eine andere Frage, die nicht in diesen Thread gehört, aber es ist zumindest etwas das mit manchen Christen zu tun hat. Keiner wird leugnen können, daß diese Dinge im Christentum existieren und auch nicht so selten sind.) Was diese Menschen dann allerdings machen ist, sie pauschalisieren und tun so als würden ihre Erfahrungen auch gegen das Judentum sprechen, obwohl diese Dinge im Judentum so nicht vorkommen. Natürlich hat jede Religion ihre Probleme, aber wer das Christentum nicht mag sollte deshalb nicht pauschal gegen die Jüdisch-Christliche Religion sprechen, und seine negativen Erfahrungen auch auf das Judentum und die Bibel übertragen, denn das ist Unsinn. Viele Leute lehnen die Bibel ab, weil sie die Kirche (oder das Christentum) nicht mögen und dagegen möchte ich Einspruch erheben!!!

michael schrieb
Für mich ist die christliche Interpretation der Bibel in sich schlüssig und ich ziehe sie den anderen Interpretationen vor. Für mich ist sie gerade so richtig verstanden

Mir geht es da anders. Ich finde, daß christliche Theologen in die Bibel oft Dinge hereininterpretieren, damit sie zum Christentum passen. (z.B. die chistliche Messiasvorstellung.) Wenn Du ein Beispiel hast, wo Du die christliche Interpretation der Jüdischen vorziehst, dann wäre es interessant dies zu lesen! (Aber ich denke es ist besser dafür dann einen neuen Thread aufzumachen und hier nur einen Link zu diesem Thread zu setzen. Dasselbe gilt für die Unterscheidung von guten und schlechen Menschen - bitte ggf. in einem eigenen Thread.)

Grüße Salomo

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Re: Transferthread: Die Bibel ist nicht christlich!
by Selene (R3) - Saturday, 5 March 2011, 10:01 PM
 

Mich interessiert, wie sich diese Angelegenheit denn eigentlich zurück verfolgen lässt!

Ist es möglich vom aramäischen, oder auch hebräischen 1:1 ins Deutsche zu übersetzen?

Kann man denn überhaupt sagen, die christliche/röm. - katholische Bibel gründet auf dem Tenach, od. der Tora?

Ich bin überzeugt davon, das die röm.-kath. Kirche schon sehr früh nur solche Auszüge und Briefe in der Bibel mit einbezog, die sich für das dogmatische Autoritätsgebilde und ihre Machtzwecke als günstig erwies. Und das daher vieles, was eigentlich wissenswert ist, prinzipiell unterschlagen wurde.

Mir ist bis jetzt bekannt, daß man die Bibel nicht wie einen Roman lesen sollte. Sondern, das sie eher ein Fundus an Formeln für bestimmte Bewußtseinszustände des Menschen ist. (Pfadarbeit?)

Vielleicht kann mir Jemand helfen diese Fragen zu klären?

mit lichtvollen Grüßen,

Selene

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Re: Transferthread: Die Bibel ist nicht christlich!
by Oholiab Schildmann ** R6,QM4 - Monday, 7 March 2011, 2:50 PM
HauptmoderatorQabbalah Maasit AnwenderRefuah AnwenderRefuah Lehrer

Hallo Selene!

<<Ist es möglich vom aramäischen, oder auch hebräischen 1:1 ins Deutsche zu übersetzen?>>

Ja klar, das geht. Natürlich sind die Übersetzungen nicht immer einheitlich, auch wenn sie auf dem gleichen Quelltext beruhen - es ist ja ein Stück weit immer eine gewisse Interpretation desjenigen, der die Übersetzung vornimmt. Auch gibt es die Möglichkeit, daß man Fehler beim Übersetzen macht, je nach dem, wer übersetzt und wie sprachgewandt derjenige ist.

<<Kann man denn überhaupt sagen, die christliche/röm. - katholische Bibel gründet auf dem Tenach, od. der Tora?>>

Zusätzlich kommt hinzu, daß die verschiedenen Formen der heiligen Schrift, auf unterschiedlichen Textfassungen beruhen.

Z.B. beruht die Septuaginta, die griechische Bibelübersetzung, auf einer etwas anderen Textfassung, als die des Tenach. Zur Erklärung was Tenach bedeutet..
[T=Torah/Gesetz; N=Newi`im/Propheten; CH =Ketuwim (eigentlich k, aber ch gesprochen, da am Wortende)/Schriften o. Hagiographen]
Und die Bibel der katholischen Kirche auf der Vulgata, einer (späteren) lateinischen Übersetzung von Quellexten, die aber auch auf Textfassungen beruhen, die für den Tenach maßgeblich waren. (Man spricht hierbei von den protomasoretischen Textfassungen.) Wobei die röm.-kath Bibelübersetzung auch von der Septuaginta beeinflusst wurde.

<<Ich bin überzeugt davon, das die röm.-kath. Kirche schon sehr früh nur solche Auszüge und Briefe in der Bibel mit einbezog, die sich für das dogmatische Autoritätsgebilde und ihre Machtzwecke als günstig erwies. Und das daher vieles, was eigentlich wissenswert ist, prinzipiell unterschlagen wurde.>>

Die inhaltlichen Zusammenstellungen der verscheidenen Bibelfassungen (Kanon) sind zudem etwas anders. Aber nicht völlig unterschiedlich. Was Du aber, glaube ich meinst, bezieht sich eher auf den Inhalt des neuen Testaments, wo beschlossen wurde, daß nur gewisse Inhalte hineingelangten, andere bewußt nicht berücksichtigt wurden. Inwieweit dies kritisch zu betrachten ist oder ein stückweit auch ein "normaler" redaktioneller Prozess ist, kann ich nicht sagen.

<<Mir ist bis jetzt bekannt, daß man die Bibel nicht wie einen Roman lesen sollte. Sondern, das sie eher ein Fundus an Formeln für bestimmte Bewußtseinszustände des Menschen ist. (Pfadarbeit?)>>

Es gibt verschiedene Les- und Interpretationsarten der heiligen Schrift. Manche sind sicherlich für bestimmte Zwecke erschöpfender als andere.
Es heißt außerdem,  die Torah sei, wie ein großes Schloß mit vielen verschiedenen Kammern und jeder Mensch besitze nur jeweils einen Schlüssel um eine dieser Kammern zu öffnen...

Mit Licht
Runael

Light the way
Re: Transferthread: Die Bibel ist nicht christlich!
by Ichtys - Friday, 25 March 2011, 4:48 PM
 

Liebe DIskutierende,

ich habe mit großen Interesse diesen - ursprünglich schon etwas älteren Thread - verfolgt. Als Christ habe ich dabei gelernt, dass die Begriffe, mit denen ich quasi aufgewachsen bin (AT und NT), tatsächlich

a) nicht zwingend korrekt und

b) für die Mitglieder mit jüdischem Glauben/jüdischer Tradition durchaus beleidigend und abschätzig (im Falle AT) klingen können.

Möglicherweise haben viele aus Unwissenheit und Unfähigkeit, über den vielzitierten Tellerrand hinauszuschauen, die Worte nicht korrekt benutzt und damit bei anderen Verärgerung ausgelöst. Ich gehöre auch dazu und bin daher froh, auf diesen Thread gestoßen zu sein, sonst hätte ich das noch mein Leben lang so gemacht.

Es ist richtig, Christen und Juden teilen (zumindest) einen Teil der "Heiligen Schrift". Das ist sie in jedem Fall und ich glaube, jeder kann mit diesem Wort bestens leben. Wir teilen noch viel mehr und das ist auch etwas, was ich erst vor Kurzem bemerkt habe, seitdem ich mich mit Qabbalah beschäftige. (Das ist übrigens auch ein sehr schöner "Nebeneffekt" des Studiums hier, ganz ehrlich, der Horizont wird um so vieles und in so viele Richtungen erweitert, wenn man sich drauf einläßt.)

"Die Bibel ist nicht christlich" - ist eine ziemlich provokante Überschrift.:-) Sie lädt geradezu dazu ein, eine Reaktion von "na, jüdisch ist sie auch nicht ganz" hervorzurufen. Das kann ja nicht Absicht sein, wir wollen hier ja nicht in einen Wettstreit der Religionen treten. Das wäre absurd, da für alle Platz ist auf der Welt und keine Religion der anderen überlegen ist. Ich verstehe die Kritik von jüdischer Seite und denke, richtig wäre es zu sagen: Die Bibel ist nicht nur christlich. "Christlich" in historisch korrektem Sinn wären eigentlich nur die Apostelbriefe und alles nach 33 n.u.ZR, oder? Denn zu Jesu Lebzeiten war kein Mensch bereits "Christ" außer natürlich Jesus selbst. Die ersten "Christen" und Christus selbst waren Juden. Nun ist das Thema der zwei Teile der Heiligen Schrift aber immer noch nicht wirklich gelöst. Ich kann das jetzt nur aus meiner eigenen - christlichen - Sicht betrachten und hoffe, dass mir Teilnehmer mit anderem Glauben hier zur HIlfe kommen, um das Ganze ausgeglichen zu machen.

Für mich als Christ besteht die Heilige Schrift eigentlich aus drei Teilen. Der erste Teil ist jüdischen Ursprungs und handelt von der Zeit vor Christus. Wie die Menschen vor Ankunft des Christus mit Gott in Verbindung standen. Es ist der erste Teil der "Dreieinigkeit" so wie ich sie aus dem Christentum kenne: Der Vater. Hier ist vom Vater die Rede, vom Ursprung. Das Evangelium ist der zweite Teil, denn hier wird vom Sohn Gottes gesprochen; ebenfalls zweiter Teil der "Dreieinigkeit": Der Sohn.

Nachdem der Sohn gestorben, begraben, auferstanden und aufgefahren ist, gibt es den dritten Teil, den "Heiligen Geist", d.h. hier kommen die Apostel zu Wort und da sie vom "Heiligen Geist" beflügelt sind, kommt hier der dritte Teil der "Dreieinigkeit" zum Tragen.  

Wichtig ist es, eine Möglichkeit zu finden, die ausdrückt, dass der zweite (und nach meinem Empfinden dritte) Teil der Bibel für Christen wahrscheinlich der wichtigere ist, aber dass man deswegen alles vorher (und nebenher) Passierte nicht einfach so wegwischt und unwichtig macht. Ich möchte ja auch nicht, dass Jesus Christus von anderen profanisiert wird, da würde ich auch sauer.

Der Grund, warum ich "Neues Testament" nicht verkehrt finde, ist,

a) es ist ein Testament im Sinne von Hinterlassenschaft, Zeugnis, etc. warum am Wort herumdoktern, wenn es nicht erforderlich ist? Im angelsächsischen Sprachgebraucht ist z.B. die Handlung einer Person "testament to their belief". Da wird das vielleicht etwas unverkrampfter verwendet. So ist die Geschichte Jesu für mich auch sein "Testament", das, was er uns, seinen Anhängern, hinterlassen hat. Ein Testament ist immer auch ein Auftrag, finde ich. Der eine hat's verfasst, der andere muss was daraus machen. So profan das klingen mag, aber für mich ergibt das Sinn. Wenn man es besser formulieren möchte, könnte man ja auch "Neuer Auftrag" sagen statt "neues Testament". Ich fände, das wäre auch richtig.

Warum "neu"? Weil Christus eben "erneuert" hat. Den Bund Gottes mit den Menschen (Das "Volk Israel", das nach meinem Empfinden immer schon Synonym für die im Glauben an Gott vereinte Gemeinschaft war, und nicht nur ethnisch oder geografisch zu verstehen ist - da kann man aber auch geteilter Meinung sein...) Die Lehre von Jesus ist neu, in vielerlei Hinsicht. Die Nächstenliebe, die sich auf Zöllner, Geldverleiher, Sünder, Ehebrecher und Huren erstreckt. Die Handreichung zu den "Unreinen". Das ist neu, das gab's vorher eben nicht, oder? Ich denke nein, ich weiß es aber nicht.  "Auge um Auge und Zahn um Zahn" ist eben anders als "wenn jemand Dich auf die linke Wange schlägt, so halte ihm auch noch die rechte hin". Es sind halt zwei verschiedene Prinzipien, so wie die linke und die rechte Säule. Das eine ist Strenge, das andere ist Milde und irgendwo dazwischen, im Ausgleich, liegt das Ideal.

Vielleicht ist es gar nicht so dumm, die Heilige Schrift einmal aus Sicht der Polarität der beiden Säulen zu sehen? Nur so ein Gedanke, der kam mir jetzt gerade so.

Vielleicht liegt sogar die Lösung darin zu sagen, das eine Buch ist das Buch der Strenge, das andere ist das Buch der Milde? Dazwischen liegt Christus als "Verbindung"?  Vielleicht ist es gar nicht so dumm. Es gibt keine "bessere" Säule. So kann und darf es auch keinen "besseren" Teil der Heiligen Schrift geben, das wäre ja Unsinn. Ohne den ersten Teil wäre der zweite Teil nur halb so viel Wert. Ohne die Säule der Strenge würde ja die Säule der Milde umkippen, oder nicht?

Es geht nicht darum zu sagen, was ist der bessere, der wichtigere Teil, sondern man muss beide betrachten. Als Christ und auch als Jude. Der eine von uns geht an einer Weggabelung einen anderen Weg als der andere, aber wir sind vorher ein ganzes Stück gemeinsam gegangen und die verzweigten Wege sind auch nicht soweit von einander entfernt. Wenn man genau hinschaut, kann man sich auf den Wegen auf Augenhöhe sehen. :-)

Es ist natürlich auch so, dass im Christentum sehr viel antisemitischer Dreck verbreitet wurde - leider manchmal noch wird - und das ist falsch und sehr gefährlich. Darüber kann es keinen Zweifel geben und ich möchte wetten, dass die überwiegende Zahl der Christen das genauso sieht wie ich.

Im Übrigen darf man m.E. auch nicht den Fehler machen, "Kirche als Institution" mit "Glauben" in einen Topf werfen.

Davon abgesehen möchte ich einfach meine Sichtweise zur Diskussion stellen und vorschlagen, von Tenach und Neuem Auftrag als Teile der Heiligen Schrift zu reden? Oder einfach nur Tenach und Auftrag, ohne "neu"? (Ich finde übrigens nicht, dass "neu" zwingend besser klingt als "alt", manche "Neubauten" haben eben keinen Charme und "Altstadt" hat zumindest für Rheinländer einen sehr positiven Beigeschmack) :-)

Herzliche Grüße

Ichtys

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Re: Transferthread: Die Bibel ist nicht christlich!
by Selene (R3) - Monday, 13 February 2012, 7:10 PM
 

Kann mir Jemand eine wirklich gute Übersetzung der Bibel, oder des Tenachs empfehlen?

Vielleicht gibt es auch mehrere, die lesenswert sind?

Vielen lieben Dank, mit Licht -

Selene

Picture of Oholiab Schildmann ** R6,QM4
Re: Transferthread: Die Bibel ist nicht christlich!
by Oholiab Schildmann ** R6,QM4 - Monday, 13 February 2012, 8:12 PM
HauptmoderatorQabbalah Maasit AnwenderRefuah AnwenderRefuah Lehrer

Hallo Selene,

schau mal in Deine PM.

LG
Runael

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Re: Transferthread: Die Bibel ist nicht christlich!
by Innozenz - Wednesday, 14 January 2015, 7:44 PM
 

Dieser Thread ist mittlerweile in die Monate gekommen. Dennoch möchte ich dazu einen Kommentar hinterlassen. Ich hoffe, dass mein Theologiestudium, verbunden mit lateinischen, altgriechischen und althebräischen Sprachkenntnissen dazu vielleicht legitimiert.

Die Grundaussage des ersten Threads lässt sich so zusammenfassen: "Der Terminus "Neues Testament" und die Haltung der Christen gegenüber Altem Testament und Judentum sind problematisch"

Zu dem Ausgangsthread einige Beobachtungen:

1. Welche andere Religion außer das Christentum hat einen Text ihrer vorausgehenden Religion überhaupt wortwörtlich übernommen? Ich sehe keine. Der Qur'an zitiert die Bibel zwar, verändert aber massiv ihre Gestalt (bis auf die Sure über die Yunusgeschichte). Der Pali-Kanon greift gar nicht direkt auf hinduistische Vorgängertexte zurück. Und auch neben den Weltreligion ist es einzigartig, dass eine Religion einen Text ihrer Ursprungsreligion ganz und unverändert übernimmt. Alleine diese Tatsache ist schon eine deutliche Wertschätzung.

2. Christen bezeichneten auch schon im Urchristentum das AT als Erstes Testament. "Alt" hat übrigens auch im Deutschen erst in jüngster Verganenheit eine negative Konnotation erhalten. Man denke nur an das "Ad fontes" der Renaissance: Gerade die alten Quellen wurden früher hochgeschätzt. Am Rande: Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden auch alte Menschen häufig als weise verehrt, mittlerweile fokussiert sich die gesamte Kultur auf die Jugend.

3. Paulus selbst schreibt in seinem bekannten Baumgleichnis, dass die Christen auf dem Baum des Judentums wachsen. Er spricht sich darin expressis verbis für eine Hochachtung der jüdischen Religion aus.

4. Im gesamten Mittelalter setzte saich die Kirchenführung und auch die meisten Kaiser für die Juden aus theologischen Gründen mit Rückbezug zur Bibel ein. Judenpogrome gingen praktisch immer von der einfachen Bevölkerung - und bisweilen von einzelnen Städten - aus. Juden standen - dokumentiert in entsprechenden SChutzbriefen - unter dem direkten Schutz von Kaiser und Papst.

5. Ein Antisemitismus, welcher sich als Weltbild artikuliert und auf die Bibel bezieht, ist in weiten kirchlichen Kreisen erst ab Luther zu finden. Siehe dazu die einschlägigen Schriften Luthers.

Ein letzter Kommentar: In seiner geschichtlichen Wirkung führte das Christentum zur Aufwertung von Frauen und Sklaven. Letztere waren, wie die Quellen bezeugen, schließlich die Hauptmitglieder der christlichen Kirche und hatten - wie Priscilla - führende Stellungen in den ersten Gemeinden.

Selbstredend gab es trotz den genannten Punkten unzähllige Verfehlungen in der Geschichte. Das gilt nicht minder für die Geschichte des institutionalisierten Okkultismus ab dem Golden Dawn. Es sind immer noch Menschen, welche eine Religion ausmachen. Und sowohl in den Schriften des Judentums, als auch denen des Christentums finden sich immer wieder problematische Textstellen.

Picture of Pari
Re: Transferthread: Die Bibel ist nicht christlich!
by Pari - Tuesday, 24 November 2015, 11:09 AM
 

"michael schrieb am 06.04.2007 um 11:18:
Für mich ist die christliche Interpretation der Bibel in sich schlüssig und ich ziehe sie den anderen Interpretationen vor. Für mich ist sie gerade so richtig verstanden."

Ich wäre mit dieser Aussage sehr vorsichtig. Bedenke bitte, dass der neue Bund ebenfalls die Apokryphen beinhaltet. Textabschnitte, die es am Ende nicht ins neue Bund geschafft haben, weil ein paar Autoritäten sie für "häretisch" hielten. Vielleicht deshalb, weil es einen Machtverlust der Jenigen bedeutet hätte? Nur, weil ein paar Leute Jahrhunderte später sich zusammengesetzt haben, und Textabschnitte zensiert und andere wiederum als "echt" deklariert haben, zollt von einem falschen Verständis. Im Judentum -soweit ich weiss- existiert soetwas nicht. Jede Schrift ist einzigartig und es existieren keine Quertexte. 

In Licht und Liebe

p.